Autor: kathleen

  • Unsichtbare Zeit

    Unsichtbare Zeit

    Rennrad fahren – eine sehr spezielle und männerlastige Bubble. Und trotzdem: Ich liebe das Fahren! Es fühlt sich so frei an!

    Bis zum ersten Catcalling. Männer, die zu lang und zu dicht hinter mir fahren, um mich dann mit dem Spruch „Die Aussicht war so toll!“ zu überholen. Bis ich von einem Mann auf einem E-Bike verfolgt wurde, der so dicht aufgefahren ist, dass er mich jederzeit am Hintern hätte packen können. Auch wenn ich solche Situationen schon oft erlebt habe, bin ich jedes Mal überfordert und ärgere mich, dass ich mit Flucht und nicht mit Gegenwehr reagiere. Und so wurde das Radfahren, das ich bis dato nur mit einem Gefühl von Freiheit verbunden habe, wie schon so viele andere Lebensbereiche, mit Unsicherheit und Angst versehen. Und das macht mich wütend! Diese Erfahrungen hindern mich natürlich nicht daran, weiter Rad zu fahren, aber sie führen dazu, dass es sich nicht mehr ganz so unbeschwert anfühlt.

    Dieses Jahr habe ich meinen ersten kleinen Solo-Bikepacking Trip gemacht. Und sowohl bei der Planung der Route und Unterkunft als auch während der Fahrt und danach hat für mich der Aspekt meiner eigenen Sicherheit die größte Rolle gespielt: Welche Route fahre ich? Am besten eine gut befahrene. Welche Unterkünfte buche ich? Nicht nur nach dem Preis gucken, sondern auch danach, wo ich mich nach den Bildern und der Umgebung hoffentlich sicher fühlen werde. Auch während meiner Tour habe ich gemerkt, wie ich mich umgeschaut und die Gegend gescannt habe, sobald jemand hinter mir gefahren ist. Oder dass ich mich in einer Unterkunft unwohl gefühlt habe, weil dort sehr viele biertrinkende Männer waren. Und in dem Zimmer mir gegenüber eine Truppe von fünf bis sechs Männern untergebracht war, mit denen ich mir das Bad teilen musste. Am Ende ist nichts passiert und es war eigentlich alles ok. Mein kleiner Solo-Trip war richtig schön und hat mir mega viel Spaß gemacht. Trotzdem kann man als Frau potenzielle Gefahren nie ausschließen. 

    Aber was hat meine Rennrad-Experience eigentlich mit Zeit zu tun? Das habe ich mich anfangs auch gefragt, bis ich mich mit einer anderen Frau darüber unterhalten habe. Denn all das, die Überlegungen, vor meinem Trip zu Route und Unterkunft, das aufmerksame Wahrnehmen der Umgebung, die Gedanken danach, warum ich mich in manchen Situationen nicht sicher gefühlt habe – all das bindet Zeit und Energie. Zeit, die Frauen* aufbringen müssen, weil sie Frauen* sind.

    Wenn es um geschlechterspezifische Zeitgerechtigkeit, um feministische Zeitpolitik, also die zeitliche Dimension von Geschlechterungleichheit, geht, dann wird in der Literatur zumeist die Verteilung von bezahlter Zeit in Form von Erwerbsarbeit und unbezahlter Zeit in Form von Care Arbeit, welche die Zeit für den Haushalt, die Kindererziehung, die Pflege von Angehörigen und ehrenamtliche Tätigkeiten betrifft, diskutiert. Auch im Jahr 2026 ist mehr als die Hälfte der Arbeitszeit von Frauen unbezahlt, Männer betrifft das nur zu einem Drittel. Frauen leisten täglich fast zwei Stunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer (vgl. Statistik Austria 2023). Bereits die ersten Zeitverwendungserhebungen in den Jahren 1981 und 1992 in Österreich haben einen Zusammenhang zwischen Geschlechterrollen und Zeitverteilung gezeigt. Frauen, die vorwiegend für Hausarbeit und Sorgearbeit zuständig waren, hatten Zeitdruck und dadurch weniger Zeit für Erholung, Freizeit und persönliche Interessen (vgl. Heck & Witzani-Haim 2023, S. 75). Das hat sich auch in der Erhebung 2021/2022 nicht geändert: Frauen* und Mädchen* verbringen über alle Altersgruppen hinweg weniger Zeit mit Freizeitaktivitäten und sozialen Kontakten als Männer und Jungen. 26% der Frauen und Mädchen (ab zehn Jahren) stehen (fast) immer unter Zeitdruck. Bei Männern und Jungen sind es 22% (vgl. Statistik Austria 2023). Diese Ergebnisse zeigen die Ungleichheit von Zeit in Abhängigkeit vom Geschlecht und verdeutlichen damit Zeitarmut und Zeit(un)gerechtigkeit (vgl. Heck & Witzani-Haim 2023, S. 75).

    Grundsätzlich stehen allen Menschen 24 Stunden pro Tag zur Verfügung; das klingt erstmal fair. Aber diese Zeit wird aufgrund ihrer ungleichen Verteilung sehr unterschiedlich verwendet (vgl. Heck & Witzani-Haim 2023, S. 71). Ein selbstbestimmter Umgang mit der eigenen Zeit gestaltet sich insbesondere für Frauen* schwierig. Zum einen bestehen die von außen auferlegten Zeitzwänge, das betrifft u. a. die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen bei gleichbleibender Hauptverantwortung für die Care Arbeit (vgl. Beier 2023). Und zum anderen wird die Freiheit der Entscheidung, wie frau* mit der eigenen Zeit umgehen will, durch beispielsweise notwendige Vorkehrungen für ihre eigene Sicherheit beschnitten. Damit zeigt sich eine Zeitverwendung mit unterschiedlichen Freiheitsgraden je nach Geschlecht (vgl. Jurczyk 2000, S. 220). Wie viel Zeit wir haben und wie frei wir über diese Zeit verfügen können, hat maßgeblich damit zu tun, welche Verpflichtungen und Freiheiten wir haben und um wie viele Dinge wir uns kümmern müssen (vgl. Beier 2023). Zeitungerechtigkeit ist also nicht nur eine Frage der quantitativen Zeitverteilung, sondern auch der Freiheit der Einzelnen, Zeit nach den eigenen Bedürfnissen und Beziehungen gestalten zu können (vgl. Beier 2023).

    Die Zeit, die Frauen aufbringen müssen, um – so gut sie können – für ihre eigene Sicherheit zu sorgen, ist keine, die gezählt oder aufgewogen wird. Es handelt sich um unsichtbare Zeit! Es ist eine Zeit, die Frauen tagtäglich aufbringen müssen, verwoben in all ihren Alltagsabläufen. Zeit, die nie extra bedacht oder gezählt wird, aber für ihre eigene Sicherheit notwendig ist. Und dabei handelt es sich nicht nur um Zeit, sondern um Freiheit, um Selbstbestimmung. Zeitfragen bleiben immer auch Machtfragen (vgl. Völkle 2024).

    Deshalb, lasst uns laut werden! Lasst uns am 03.05.2027 gemeinsam auf diese unsichtbare Zeit, die Frauen täglich tragen, aufmerksam machen! 

    Verfasst von: Kathleen

    Literatur

    Beier, F. (2023). Zeitgerechtigkeit. Feministische Zeitpolitik und die Zeit der Sorge. Geschichte der Gegenwart. URL: https://geschichtedergegenwart.ch/zeitgerechtigkeit/ [13.09.2026].

    Heck, L. & Witzani-Haim (2023). Feministische Perspektiven auf Zeitverwendung und Zeitpolitik. Kurswechsel 2023(4), 71-81.

    Jurczyk, K. (2000). Zwischen Selbstbestimmung und Bedrägnis. Zeit im Alltag von Frauen. In Kudera, W. & Voß, G. G. (Hrsg.), Lebensführung und Gesellschaft. Beiträge zu Konzept und Empirie alltäglicher Lebensführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (S. 219 – 46). URL: https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-322-95162-5_12.

    Statistik Austria. (2023, 18. Dezember). Frauen verbringen mehr Zeit mit Arbeit als Männer [Pressemitteilung].

    Völkle, H. (2024). Sorgende Zeit. Einführung in ein feministisch-ökologisches Zeitverständnis. Zeitschrift für Kritik, Recht, Gesellschaft. 2024 (3), 395-403. doi: https://doi.org/10.33196/juridikum202403039501 [13.09.2026].