Schlagwort: Verhütung

  • Es wäre möglich gewesen

    Es wäre möglich gewesen

    2013 veröffentlichten Forscher*innen der Penn State University eine kleine Studie: Ein Vaginalzäpfchen mit Sildenafil, dem Wirkstoff von Viagra, linderte bei Frauen mit starken Regelschmerzen die Schmerzen besser als ein Placebo. Nebenwirkungen wurden keine beobachtet. Geplant waren deutlich mehr Teilnehmerinnen, doch die Förderung lief aus. Am Ende waren es 25 Frauen.¹ Laut Studienleiter Richard Legro beantragte er zweimal Fördermittel für eine größere Studie bei den US-amerikanischen National Institutes of Health, beide Male ohne Erfolg. Die Begründung der Gutachter*innen: Regelschmerzen seien kein vorrangiges Gesundheitsproblem.²

    Das ist kein Einzelfall, sondern ein Muster.

    Tampons, Binden & Co.: Die erste veröffentlichte Studie, die die Aufnahmefähigkeit von Menstruationsprodukten mit Blut statt mit Wasser oder Salzlösung verglich, erschien 2023.³ Die meisten Produkte fassten weniger, als auf der Packung angegeben.⁴ Das ist mehr als eine Kuriosität: Ärzt*innen schätzen starke Blutungen oft anhand der verbrauchten Produkte ein.³

    Die Klitoris: Ihre vollständige Anatomie beschrieb die australische Urologin Helen O’Connell 1998, 2005 folgten MRT-Aufnahmen.⁵ Teile waren schon im 19. Jahrhundert bekannt, verschwanden aber wieder aus vielen Lehrbüchern.⁶ Jahrzehntelang kursierte die Zahl von 8.000 Nervenfasern. Laut dem Chirurgen Blair Peters stammt sie aus einem Buch der 1970er-Jahre. Erst 2022 zählte sein Team an menschlichem Gewebe nach: Über 10.000 Fasern allein im Hauptnerv. Die Untersuchung beruht auf Gewebeproben von sieben Personen und wurde auf einem Fachkongress vorgestellt.⁸

    Verhütung: In Österreich verhüten 46 Prozent der Frauen allein, nur bei 12 Prozent übernimmt der Partner. Die Hälfte der Frauen trägt die Kosten ganz allein.⁹ Eine Hormonspritze für Männer war in einer Studie von 2016 mit 320 Teilnehmern zu knapp 96 Prozent wirksam. Ein unabhängiges Sicherheitsgremium stoppte die Studie trotzdem vorzeitig, vor allem wegen Stimmungsschwankungen und Depressionen. Über 75 Prozent der Teilnehmer hätten die Methode dennoch genutzt.¹⁰ Bei Frauen sind Stimmungsveränderungen als mögliche Nebenwirkung hormoneller Verhütung seit Langem bekannt.¹¹ Eine dänische Studie mit über einer Million Frauen fand einen Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und späteren Depressionen, besonders bei Jugendlichen. Ob die Verhütung die Ursache ist, kann diese Art von Studie nicht beweisen.¹² Der Vergleich ist nicht eins zu eins: Die Spritze war ein neues Mittel in der Testphase, die Pille ist seit Jahrzehnten zugelassen. Er zeigt aber, wie unterschiedlich Nebenwirkungen gewichtet werden.

    Kinderwunsch: Der österreichische IVF-Fonds übernimmt 70 Prozent der Kosten einer künstlichen Befruchtung. Bei Männern reicht jede Form von Unfruchtbarkeit. Bei Frauen zählen nur drei Ursachen: verschlossene Eileiter, Endometriose oder PCOS. 2024 lag die Indikation bei 58 Prozent der Versuche ausschließlich beim Mann, bei 13 Prozent ausschließlich bei der Frau.¹³

    Im OP-Saal: Eine kanadische Studie mit 1,3 Millionen Patient*innen zeigte: Frauen, die von einem Mann operiert wurden, starben in den 30 Tagen danach um 32 Prozent häufiger als Frauen, die von einer Chirurgin operiert wurden. Bei Männern machte das Geschlecht der operierenden Person keinen Unterschied. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die Ursachen sind noch unklar.¹⁴

    Es bewegt sich etwas. In den USA müssen öffentlich finanzierte Studien seit 1993 Frauen einschließen.¹⁵ In der EU sollen Teilnehmende klinischer Prüfungen seit der Verordnung von 2014 die späteren Anwender*innen abbilden, auch nach Geschlecht. Verbindliche Quoten gibt es aber nicht.¹⁶ In Österreich liefern Menstruations- und Verhütungsbericht erstmals eigene Daten,⁹ ¹⁷ in Wien gibt es eine Endometriose-Plattform.¹⁸

    Das Wissen ist da. Die Ideen sind da. Was oft fehlt, sind Geld, Priorität und der Wille, Frauen*körper ernst zu nehmen.

    ▶ Mehr dazu im Video-Tipp unserer Leserin: Unser Körper ihr System

    Verfasst von: Marlene

    Quellen

    1. Penn State University & Allgemeines Krankenhaus Nova Gradiška (2013): Sildenafil citrate in the treatment of pain in primary dysmenorrhea. A randomized controlled trial. Human Reproduction (Penn State)
    2. Pharmacy Times: Viagra may alleviate dysmenorrhea-related pain; however, funding challenges have limited clinical research (Aussagen von Richard Legro)
    3. DeLoughery et al. (2023): Red blood cell capacity of modern menstrual products. BMJ Sexual & Reproductive Health 50(1). doi:10.1136/bmjsrh-2023-201895
    4. BMJ: Pressemitteilung zur Studie
    5. O’Connell et al. (1998): Anatomical relationship between urethra and clitoris. J Urol 159(6), doi:10.1016/S0022-5347(01)63188-4 · Überblick: ISSM
    6. Clínica Universidad de Navarra: Medizinisches Wörterbuch, Klitoris (Spanisch)
    7. Oregon Public Broadcasting (2022): Interview mit Blair Peters
    8. Technology Networks (2022): Human Clitoris Has at Least 10,281 Nerve Fibers (basiert auf der Pressemitteilung der Oregon Health & Science University)
    9. Sozialministerium: Verhütungsbericht 2024 – Ergebnisse
    10. Endocrine Society (2016): Male birth control shots prevent pregnancy. Studie: Behre et al., J Clin Endocrinol Metab, doi:10.1210/jc.2016-2141
    11. Pharmaceutical Journal (2016): Bericht zur dänischen Studie
    12. Skovlund et al. (2016): Association of hormonal contraception with depression. JAMA Psychiatry 73(11) · Einordnung: Science Media Centre
    13. Gesundheit Österreich GmbH: IVF-Register Jahresbericht 2024
    14. Wallis et al. (2022): Association of surgeon-patient sex concordance with postoperative outcomes. JAMA Surgery 157(2) · Zusammenfassung Sunnybrook
    15. National Institutes of Health (1994): NIH Guidelines on the Inclusion of Women and Minorities as Subjects in Clinical Research (Umsetzung des NIH Revitalization Act 1993)
    16. Verordnung (EU) Nr. 536/2014 über klinische Prüfungen, EUR-Lex · Einordnung, dass es keine verbindlichen Quoten gibt: Hogan Lovells (2026)
    17. Sozialministerium: Menstruationsgesundheitsbericht 2024 – Ergebnisse
    18. Future Health Lab (2026): Gender Health Gap – wenn der Standard männlich ist
    19. Falter (2026): Rezension zu „Don’t Miss the Clitoris“

    Alle Links abgerufen am 27.10.2026.