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    Zweigeschlechtermedizin

    Neben einer Zweiklassenmedizin kämpfen Frauen an einer weiteren Front: der Zweigeschlechtermedizin. Vom Medical Gaslighting bis zum Gender Pain Gap: Frauen werden in der medizinischen Forschung, Diagnostik und in der Behandlung benachteiligt. Ist Gesundsein also eine Frage des Geschlechts?

    Wusstest Du, dass starke Kiefer-, Nacken- und Rückenschmerzen bei Frauen ein Anzeichen für einen Herzinfarkt sein können? Nein, dann willkommen im Klub. Du bist in bester Gesellschaft – zum Teil mit medizinischem Fachpersonal.

    Und jetzt rate mal: „Wie viel häufiger sterben Frauen bis 55 Jahren an einem Herzinfarkt als Männer? Die Sterberate ist fast doppelt so hoch.

    Herzinfarktsymptome von Frauen werden in der Medizin noch immer als „atypisch“ angesehen, obwohl sie für 50 % der Bevölkerung typisch sind – typisch weiblich eben.

    Damit nicht genug. Erleiden Frauen im öffentlichen Raum einen Herzstillstand, werden sie weniger oft reanimiert oder die Reanimation ist weniger oft erfolgreich. Gründe dafür: Ersthelfer:innen haben bei der Durchführung der Herzmassage größere Hemmungen â€“ wegen der weiblichen Brust.

    Und auch wenn die Reanimation gelingt, setzt sich die Ungleichbehandlung fort. Frauen werden mit geringerer Priorität ins Spital gebracht, werden dort nicht mit derselben Wichtigkeit behandelt, bekommen seltener eine Angiografie (Untersuchung der Blutgefäße) und werden nach der Untersuchung weniger oft auf der Intensivstation weiterbehandelt. All diese Benachteiligungen entlang der gesamten Versorgungskette tragen dazu bei, dass junge Frauen an einem Herzinfarkt fast doppelt so häufig sterben wie gleichaltrige Männer.

    Eine Frau ist kein 75-Kilo-Mann!

    Medizinische Behandlungen sind in vielen Bereichen noch immer auf Männer ausgerichtet. Das Gebiet der „Gendermedizin“ beschäftigt sich seit den 90er Jahren damit, wie sich das Geschlecht eines Menschen auf Gesundheit, Krankheit und medizinische Behandlungen auswirkt. 

    Lange Zeit galt in der Medizin der 75 kg schwere Mann als Standard und die Annahme, die Aristoteles vor rund 2400 Jahren aufgestellt hat: „Die Frau wäre ein mangelhafter Mann“, also eine kleinere Version, die aber im Grunde „ähnlich funktioniert“. 

    Dass Frauen und Männer sich aber in vielen Bereichen deutlich unterscheiden, zeigt heute eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse.

    Auch für Männer relevant

    Gendermedizin ist nicht nur an Frauen gerichtet. Auch Männer sind von geschlechtsspezifischen Fehleinschätzungen betroffen.

    Depressionen werden bei Männern deutlich seltener erkannt. Auch deshalb, weil sie sich bei Männern anders äußern: Statt durch Trauer und Lethargie durch Wut und Aggression oder einen erhöhten Alkoholkonsum. Die Folgen sind dramatisch. Männer haben unter anderem auch infolge nicht diagnostizierter Depressionen ein viermal höheres Risiko, an einem Suizid zu sterben. 

    Auch Erkrankungen wie Osteoporose oder Brustkrebs gelten als „Frauenkrankheiten“. Gerade deshalb werden sie bei Männern oft zu spät erkannt – mit entsprechend schlechteren Behandlungschancen.

    Dennoch gilt: Frauen werden in der medizinischen Forschung und Versorgung tendenziell schlechter versorgt als Männer. Dieses Phänomen wird unter Fachleuten als „Gender Health Gap“ bezeichnet.

    Benachteiligung beginnt bereits im Reagenzglas

    Rund 90 % aller präklinischen, pharmakologischen Studien werden ausschließlich an männlichen Zellen durchgeführt. Aber schon auf zellulärer Ebene gibt es große Unterschiede. Auf die Zellversuche folgen in der Forschung Tierversuche. Und auch in dieser Phase kommen mehr männliche Tiere zum Zug. Da auch weibliche Tiere einen Zyklus haben, galt die Sorge der Forschenden bei der Einbeziehung von weiblichen Tieren, den möglicherweise unklaren Ergebnissen durch eventuelle hormonelle Schwankungen. 

    Und auch in den klinischen Studien an Menschen nahmen lange Zeit viel mehr Männer an Studien teil als Frauen.

    Contergan Skandal

    Verstärkt wurde dieses Missverhältnis in der Forschung noch durch den Contergan-Skandal. Als Reaktion auf tausende Fälle schwerer Fehlbildungen bei Babys durch die Einnahme des Beruhigungsmittels Contergan in der Schwangerschaft, wurde das Medikament 1962 vom deutschen Markt genommen.

    Die FDA (Food and Drug Administration, die offizielle amerikanische Behörde für Lebens- und Arzneimittel) empfahl, aus Sorge vor möglichen Schäden an ungeborenen Kindern, Frauen im gebärfähigen Alter von frühen Phasen klinischer Arzneimittelstudien auszuschließen – selbst dann, wenn sie verhüteten.

    Diese Beschränkung wurde erst 1993 aufgehoben. In Europa dauerte es bis 2005, bis die angemessene Berücksichtigung beider Geschlechter in Studien rechtlich verankert wurde.

    Medikamente wirken schlechter oder gar nicht 

    Die Folgen, dieser jahrzehntelangen Forschungslücken sind bis heute spürbar. Frauen haben z. B. ein eineinhalb bis doppelt so hohes Risiko für Nebenwirkungen von Medikamenten. 

    Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits sind Frauen häufig kleiner und wiegen weniger als Männer, haben einen höheren Körperfettanteil, weniger Wasser und auch ihr Stoffwechsel funktioniert anders. Leber und Nieren bauen Wirkstoffe langsamer ab, wodurch viele Medikamente länger und in höherer Konzentration im Blut bleiben. 

    Die Dosierungsempfehlungen beziehen diese Unterschiede allerdings nicht ein.

    Ein Beispiel dafür: Frauen benötigen etwa 1/3 weniger Morphin als Männer und sind deshalb häufiger Überdosierungen ausgesetzt. 

    Auch Paracetamol bleibt bei Frauen deutlich länger im Körper.
    Ibuprofen hingegen, das Medikament, das fast alle Frauen bei Regelbeschwerden verschrieben bekommen, wirkt bei Frauen häufig schlechter als bei Männern.

    Gender Pain Gap

    Und nicht nur, dass Schmerzmittel bei Frauen weniger gut oder manchmal zu stark wirken: Auch bei der Einordnung von Schmerzen bei Frauen und Männern gibt es Unterschiede. Der sogenannte Gender Pain Gap beschreibt, dass Schmerzen von Frauen im Gesundheitswesen oft weniger ernst genommen, später erkannt oder schlechter behandelt werden.

    Frauen, die wegen Schmerzen Hilfe in Anspruch nehmen, haben, laut Studien, im Vergleich zu Männern eine höhere Wahrscheinlichkeit, mit Beruhigungsmitteln aus der Ordination zu spazieren als mit Schmerzmitteln. 

    Studien zeigen, dass in Notaufnahmen Frauen bei gleichen Schmerzsymptomen signifikant seltener Schmerzmittel erhalten als Männer (38 % zu 47 %). Länger auf die Schmerzmittel warten – im Durchschnitt 16 Minuten â€“ und auch nach Operationen häufiger Beruhigungs- als Schmerzmedikamente verschrieben bekommen.

    Besonders schlimme Auswirkungen hat das für Frauen mit Endometriose. Die oft extrem starken Schmerzen werden häufig als „normale Regelschmerzen“ abgetan, obwohl sie mit Nierenkoliken, Gallenkoliken, Wehen oder einer akuten Blinddarmentzündung vergleichbar sein können. Aufgrund der Fehleinschätzungen von medizinischem Fachpersonal warten Betroffene durchschnittlich 6,4 Jahre auf die richtige Diagnose und eine möglicherweise erlösende Operation.

    Fazit

    Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der medizinischen Forschung und Versorgung können bei beiden Geschlechtern über Gesundheit, Lebensqualität und sogar über einen frühen Tod entscheiden. Es ist höchste Zeit, dass diesem Thema noch mehr Platz eingeräumt wird. Dabei geht es nicht nur um die biologischen Unterschiede, sondern auch um „alte“ Rollenbilder und verankerte Vorurteile. Wie „ernst“ werden Frauen genommen, wie „stark“ müssen Männer sein? 

    Erst dann wird Gesundheit keine Frage des Geschlechts mehr sein.

    Verfasst von: Manuela