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    How-To Zyklusgesundheit

    Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung. Er soll dir helfen, Beschwerden einzuordnen und gut vorbereitet ins Gespräch zu gehen.

    So liest du die Zeichen:
    ⏺ gut belegt (Leitlinien, große Studien)
    ◐ erste Hinweise (mehrere Studien, offene Fragen)
    ○ kaum erforscht (wenige, kleine Studien)
    Dass so vieles ◐ oder ○ ist, gehört zur Geschichte des Gender Health Gap.

    Regelschmerzen sind normal? Nicht unbedingt. In Österreich haben zwei Drittel der befragten Frauen jeden Monat mittelstarke bis sehr starke Schmerzen. Bis zur Diagnose Endometriose vergehen im Schnitt sieben Jahre.¹ Dein Zyklus sagt viel über deine Gesundheit aus, körperlich und psychisch. Diese Anleitung richtet sich an alle Menschen, die menstruieren.

    Schritt 1: Beobachten

    Führe mindestens zwei bis drei Zyklen lang ein Tagebuch. Notiere täglich:

    • Blutung: Tag, Stärke, wie oft du Binde, Tampon, Periodenunterwäsche oder Tasse wechseln musst
    • Schmerzen: Wo, wie stark (Skala 0–10), was hilft
    • Stimmung, Energie, Schlaf, Konzentration
    • Medikamente

    Warum zwei Zyklen? Für eine gesicherte Diagnose der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS) braucht es tägliche Aufzeichnungen über mindestens zwei Zyklen.² Dein Tagebuch ist also ein echtes Werkzeug für die Diagnose. ⏺

    Schritt 2: Einordnen – Wann du ärztliche Abklärung brauchst

    • Schmerzen, die trotz Schmerzmittel nicht besser werden
    • Du fällst wegen der Periode in Schule, Arbeit oder Alltag aus
    • Sehr starke Blutung, Erschöpfung, Schwindel
    • Unregelmäßige oder ausbleibende Perioden
    • Schmerzen beim Sex, beim Stuhlgang oder Wasserlassen
    • Stimmungstiefs vor der Periode, die dich stark einschränken

    Schritt 3: Handeln

    Nimm dein Tagebuch zum Arzttermin mit. Sag klar: „Ich möchte, dass Endometriose, PCOS oder PMDS abgeklärt werden.“ Wirst du nicht ernst genommen, hole eine Zweitmeinung ein. Beratung ohne ärztliche Überweisung bieten auch die Frauengesundheitszentren.³

    Was hinter Beschwerden stecken kann

    PMS und PMDS ⏺ Viele Menstruierende kennen Beschwerden vor der Periode. Bei einem kleinen Teil sind die psychischen Symptome so stark, dass man von PMDS spricht. Wie viele betroffen sind, hängt stark von der Messmethode ab: Häufig werden 3 bis 8 Prozent genannt.⁴ Eine Meta-Analyse von 2024 kam mit streng geprüften Diagnosen auf 1,6 Prozent, mit vorläufigen Diagnosen auf deutlich mehr.² Seit 2013 zählt PMDS im US-Diagnosehandbuch DSM-5 zu den depressiven Störungen.⁵ Typisch: Die Beschwerden klingen kurz nach Beginn der Blutung ab. PMDS kann auch trans und nicht-binäre Personen betreffen.⁴

    Endometriose ⏺ Gewebe ähnlich der Gebärmutterschleimhaut wächst außerhalb der Gebärmutter. Die WHO schätzt, dass rund 10 Prozent der Frauen und Mädchen im fortpflanzungsfähigen Alter betroffen sind, weltweit etwa 190 Millionen.⁶ In Österreich ist es mindestens jede Fünfzehnte.¹ Heilbar ist Endometriose bisher nicht, behandelbar schon.⁶

    PCOS ⏺ Das polyzystische Ovarialsyndrom ist eine der häufigsten Hormonstörungen: unregelmäßige Zyklen, erhöhte männliche Hormone, oft Akne oder vermehrter Haarwuchs. Laut WHO sind 8 bis 13 Prozent der Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter betroffen, bis zu 70 Prozent ohne Diagnose.⁷ Wie hoch die Zahl ausfällt, hängt auch von den Diagnosekriterien ab.⁸

    ADHS ◐ Frauen mit ADHS scheinen häufiger von PMDS betroffen zu sein. In einer britischen Online-Befragung erfüllten 31 Prozent der Frauen mit ADHS-Diagnose die vorläufigen PMDS-Kriterien, gegenüber knapp 10 Prozent ohne ADHS.⁹ Eine niederländische Studie fand bei 45 Prozent Hinweise auf PMDS, allerdings ohne Vergleichsgruppe.¹⁰ Beide Studien erfassen Verdachtsfälle, keine gesicherten Diagnosen. Solche Werte fallen erfahrungsgemäß höher aus.²

    Autismus ○ Hier ist die Forschung besonders dünn, und die Ergebnisse widersprechen sich. Eine kleine Studie fand bei 24 von 26 autistischen Frauen mit Lernbehinderung PMDS-ähnliche Beschwerden.¹¹ Eine neuere Studie mit 70 Personen fand dagegen keinen deutlichen Unterschied, aber stärkere Wechseljahresbeschwerden bei autistischen Frauen.¹² Die Autor*innen führen die dünne Datenlage darauf zurück, dass Autismus lange als überwiegend männliche Diagnose galt.¹²

    Depressionen ◐ Hormonelle Umbrüche können die Stimmung stark beeinflussen: Vor der Periode, nach einer Geburt, in den Wechseljahren. In Österreich erleben knapp 30 Prozent die Veränderungen der Wechseljahre als psychische Belastung.¹ Wichtig: Eine bestehende Depression kann sich vor der Periode verschlimmern. Das ist etwas anderes als PMDS und wird anders behandelt.⁴ Eine dänische Registerstudie fand zudem einen Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und späteren Depressionsdiagnosen, besonders bei Jugendlichen. Ein Beweis für Ursache und Wirkung ist das nicht.¹³ Wenn du Stimmungsveränderungen bemerkst, sprich sie an. Setz ein Verhütungsmittel aber nicht ohne Rücksprache ab.¹⁴

    Ernährung ◐ Die meisten Ernährungstipps rund um den Zyklus sind kaum belegt. Trotzdem kann es helfen, auszuprobieren, was dir guttut. Am besten untersucht ist Kalzium bei PMS: Wertet man die bisherigen Studien gemeinsam aus, scheint es die Beschwerden etwas zu lindern, auch wenn nicht jede einzelne Studie einen Effekt findet.¹⁵ Für Vitamin B6, Nachtkerzenöl und viele Kräuterpräparate ist die Studienlage widersprüchlich.¹⁶ Nahrungsergänzungsmittel besprichst du am besten vorher mit deiner Ärzt*in oder in der Apotheke. Und sei skeptisch, wenn eine Ernährungsform Heilung verspricht.

    Zyklus-Apps: Worauf achten?

    Zyklusdaten sind hochsensible Gesundheitsdaten. Die US-Handelsbehörde FTC warf der App Flo vor, Gesundheitsdaten an Facebook, Google und andere weitergegeben zu haben, obwohl sie Vertraulichkeit versprochen hatte. 2021 einigte sich Flo mit der Behörde auf strengere Auflagen.¹⁷ Beim Test von VKI und Stiftung Warentest 2023 hatten alle 18 geprüften Apps Mängel beim Datenschutz. Nur fünf berechneten die fruchtbaren Tage zuverlässig.¹⁸

    Datensparsame Apps (Auswahl laut netzpolitik.org, 2025)¹⁹

    • drip – Open Source, von feministischen Programmiererinnen aus Berlin. Daten bleiben auf dem Handy, keine Anmeldung, keine Werbung. Unterstützt die symptothermale Methode. Einschränkungen: Laut Kommentaren unter dem Artikel (Stand September 2025) nur auf Englisch, im VKI-Test 2023 „wenig zufriedenstellend“.¹⁸
    • Euki – von einer gemeinnützigen Organisation für reproduktive Rechte. Daten lokal, PIN-Schutz, Infos zu Verhütung. Keine Temperaturmessung.
    • Periodical – Open Source, nur Android, einfache Kalendermethode.

    Und Flo, Clue & Co.? Du musst deine App nicht sofort löschen, aber du solltest wissen, was mit deinen Daten passiert. Unser Tipp für jede App: Datenschutz-Einstellungen prüfen, Weitergabe für Forschung und Analyse abwählen und nur eintragen, was du wirklich brauchst.

    Wichtig: Eine App, die nur Tage zählt, ist kein Verhütungsmittel. Wer per App verhüten will, braucht die symptothermale Methode (Temperatur und Zervixschleim) und eine gute Einschulung.¹⁸

    Verfasst von: Marlene

    Quellen

    1. Sozialministerium: Menstruationsgesundheitsbericht 2024 – Ergebnisse · Bericht (PDF)
    2. Reilly et al. (2024): The prevalence of premenstrual dysphoric disorder. Systematic review and meta-analysis. J Affect Disord 349
    3. Netzwerk der österreichischen Frauen*gesundheitszentren
    4. StatPearls: Premenstrual Dysphoric Disorder. NCBI Bookshelf
    5. Studie zur PMDS-Prävalenz (2025), Einleitung zur DSM-5-Einordnung. BJOG
    6. WHO: Endometriosis – Fact sheet
    7. WHO: Polycystic ovary syndrome – Fact sheet · Einordnung: ACP Internist 2024
    8. March et al. (2010): The prevalence of PCOS in a community sample assessed under contrasting diagnostic criteria. Hum Reprod 25(2)
    9. Increased risk of provisional PMDD among females with ADHD. University of Edinburgh / King’s College London
    10. Dorani et al. (2021): Prevalence of hormone-related mood disorder symptoms in women with ADHD. J Psychiatr Res 133
    11. Obaydi & Puri (2008): Prevalence of premenstrual syndrome in autism. J Int Med Res 36(2)
    12. Groenman et al. (2022): Menstruation and menopause in autistic adults. Autism 26(6)
    13. Skovlund et al. (2016): Association of hormonal contraception with depression. JAMA Psychiatry 73(11)
    14. Science Media Centre: Expert*innen-Einordnung der dänischen Studie
    15. Beneficial role of calcium in premenstrual syndrome: a systematic review
    16. Bendich (2000): The potential for dietary supplements to reduce PMS symptoms. J Am Coll Nutr 19(1)
    17. FTC (2021): FTC finalizes order with Flo Health
    18. profil (2023): Zyklus-Apps im Test: Mehrheit nicht zuverlässig (Test von VKI und Stiftung Warentest)
    19. netzpolitik.org (2025): Datenschutzfreundliche Perioden-Apps
    20. Mozilla Foundation: Datenschutz-Test Clue

    Alle Links abgerufen am 27.10.2026.