Letzten Monat ging es um das Thema Zeit: Zeit, die Frauen aufwenden müssen, weil sie Frauen sind. Es ging unter anderem um die Zeit, die Frauen*, aufbringen müssen, um für ihre eigene Sicherheit zu sorgen. Eine Zeit, die weder gesehen, noch berücksichtigt, noch gezählt wird – eine Zeit, die unsichtbar bleibt. Diese unsichtbare Zeit betrifft nicht nur die Energie und Aktivitäten, die Frauen in ihren eigenen Schutz investieren. Sie betrifft auch die Zeit, die Frauen für ihre eigene Gesundheit aufbringen müssen, in einem System, das nicht für sie gemacht ist.
Die Ergebnisse des Austrian Health Report 2026, für den im Juni 2026 im Auftrag von Sandoz 1.000 Menschen ab 16 Jahren von der empirischen Sozialforschung IFES befragt wurden, zeigen, dass „[n]ur rund vier von zehn Frauen (46 Prozent) [davon] überzeugt [sind], dass Mediziner und Medizinerinnen Geschlechterunterschiede in der Behandlung berücksichtigen“ (Der Standard 2026). 20 Prozent der befragten Frauen geben an, dass sie kein Vertrauen darin haben, dass Ärzt*innen die Geschlechtsunterschiede kennen und darauf Rücksicht nehmen. Das sind doppelt so viele wie Männer mit 10 Prozent (vgl. Austrian Health Report 2026, S. 12). Weiter fühlt sich nicht nur fast jede zweite Frau beim Besuch von Ärzt*innen nicht ernst genommen (vgl. Die Presse 2026), sondern ihre Symptome werden mit 14 Prozent fast dreifach so häufig wie bei Männern (5 Prozent) als psychisch oder psychosomatisch abgetan (vgl. Austrian Health Report 2026, S. 10; Der Standard 2026). Insgesamt fühlen sich Frauen im österreichischen Gesundheitssystem schlechter aufgehoben als Männer (vgl. ORF 2026; Die Presse 2026). Demnach geben 56 Prozent der Männer an mit dem österreichischen Gesundheitssystem zufrieden zu sein, bei den Frauen sind es hingegen nur 41 Prozent (vgl. Austrian Health Report 2026, S. 7). Auch der Gesundheitsexperte Thomas Czypionka bestätigt, dass sich die Gender-Medizin noch nicht in allen Bereichen durchgesetzt hat und diesbezüglich noch deutlicher Aufholbedarf besteht (vgl. Der Standard, 2026).
Die Ergebnisse des Austrian Health Report zeigen, dass Frauen stärker belastet sind, bei Ärzt*innen weniger ernst genommen werden und in der Familie für die Gesundheitsorganisation verantwortlich sind (vgl. ORF 2026). Es mag nicht überraschen, dass auch das medizinische System die gesellschaftlichen Rollenbilder und deren inhärente Stereotype widerspiegelt.
Und genau aus diesem Grund sollte nicht vergessen werden, dass diese Ergebnisse für all die Frauen stehen, die sich tagtäglich durch ein Gesundheitssystem kämpfen müssen, das sie bewusst übersieht, weil ihre Körper zu „schwierig“ sind, mit diesem Zyklus, den vielen Hormonen und ihren ganzen Schwankungen. Diese Ergebnisse stehen für die Bekannte, die seit mehreren Jahren mit Symptomen übermäßiger Erschöpfung, Konzentrationsschwäche und erhöhter Infektanfälligkeit darum kämpft, dass ihre Medikamente richtig eingestellt werden. Und dann doch nur gesagt bekommt: „Ach, das macht der Körper von ganz allein, da brauchen Sie keine Medikamente“. Sie stehen für die Studentin, die zum ersten Mal vor diesem Arzt steht, der ihre Krankenakte nicht kennt, sie anschaut und sagt: „Sie sind doch eine junge, gesunde Frau, ohne Vorerkrankungen“ – Spoiler: Ist sie nicht. Sie stehen für die Freundin, die seit Jahren ganze Wagenladungen an Medikamenten gegen Blasenentzündungen kaufen muss, die unfassbar teuer sind, und von den Ärzt*innen immer wieder zu hören bekommt, dass Frauen in dieser Hinsicht eben anfälliger sind. Für die Oma, die wegen Schmerzen Mediziner*innen aufsucht, die ihr dann sagen, dass sie eben alt sei. Für die Mutter, die jahrelang verschiedenste Ärzt*innen aufsucht, weil sie merkt, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmt, die sie immer wieder wegschicken, überweisen, ihr versichern, dass da nichts sei, dass ihre Symptome keinen Sinn ergeben, und sich dann am Ende zeigt: Sie hat Krebs. Diese Ergebnisse stehen für die Kollegin, die zum Arzt geht, ihre Symptome schildert und Antidepressiva angeboten bekommt, um später dann doch die Diagnose einer Autoimmunerkrankung zu erhalten.
Frauen sind entweder zu jung, deshalb gesund und werden aus diesem Grund nicht ernst genommen. Oder sie sind zu alt, können deshalb nicht gesund sein und werden aus diesem Grund nicht ernst genommen. Oder sie sind zu „hysterisch“, zu „empfindlich“ und werden deshalb nicht ernst genommen.
Eine Frau ist immer irgendwas „zu“ – zu viel oder zu wenig.
Lasst uns am 03.05.2027 gemeinsam zeigen, dass wir genau so richtig sind, wie wir sind, in all unserer (hormonellen) Vielfalt!
Verfasst von: Kathleen
Literatur
Baltaci, K. (2026). Fast jede zweite Frau fühlt sich bei Arztbesuchen nicht ernst genommen. URL: https://www.diepresse.com/41331599/fast-jede-zweite-frau-fuehlt-sich-bei-arztbesuchen-nicht-ernst-genommen [07.10.2026].
IFES (07.10.2026). Austrian Health Report 2026. Präsentation zur Pressekonferenz. URL: https://www.austrianhealthreport.at/.
ORF (2026). Symptome von Frauen oft weniger beachtet. URL: https://orf.at/stories/3444355/ [07.10.2026].
Pfluger, B. (2026). Zwischen Care-arbeit und Arztpraxis: Warum Frauen dem Gesundheitswesen weniger vertrauen. URL: https://www.derstandard.at/story/3000000343100/zwischen-care-arbeit-und-arztpraxis-warum-frauen-dem-gesundheitswesen-weniger-vertrauen [07.10.2026].

